Weiter geht’s in Oberammergau, denn wir haben natürlich auch Jessica Twitchell besucht.

Jessica vereint vieles. Neben ihrer Kunst ist sie auch als Kuratorin tätig und für uns natürlich besonders interessant: Sie schnitzt. Als erste und bislang einzige Frau schnitzt sie Villinger Schemen. Volles Programm also: Narro, Morbili, Surhebel und Alt Villingerin.
Ihre Werke sind hervorragend ausgearbeitet und vereinen einen ganz eigenen Stil. In ihrem eigenen Atelier macht sie alles selbst, vom Schnitzen über das Fassen bis hin zum Kränzle nähen. Jede ihrer Schemen ist zu 100 % JT!
Ihre Arbeit an der Berufsfachschule für Bildhauer in Oberammergau inspiriert sie ebenso wie die frische Bergluft und die Natur rundherum. Doch die Fasnacht zieht sie jedes Jahr wieder nach Villingen, genauso wie die Auslieferung ihrer Werke oder der Schemenschnitzerabend der Zunft.
Man trifft sie also immer wieder im Städtle und zu einem kurzen Schemenplausch würde sie wohl nie Nein sagen.
Im Textinterview beantwortet uns Jessica Twitchell unsere Fragen zur Fasnet und vielem mehr.
Viel Spaß beim Lesen!

ST:
Hallo Jessica. Danke, dass ich hier sein darf. Stell dich doch mal kurz vor – wer bist du, wo wohnst du und was machst du?
JT:
Mein Name ist Jessica Twitchell, ich bin Bildhauerin, freischaffende Künstlerin und Kuratorin. Seit 2022 lebe ich in Oberammergau. Wir sitzen hier gerade in meiner Werkstatt.
ST:
Was schnitzt du denn alles für die Villinger?
JT:
Ich schnitze alle Schemen: Surhebel, Morbili, Narro, Alt-Villingerin, Bubenschemen, Porträtschemen und früher auch die Bartscheme.
ST:
Ihr seid ja zwei Schemenschnitzer unter einem Dach – das gab’s bisher noch nie. Habt ihr auch schon mal zusammen geschnitzt?
JT:
Ja, ziemlich lange sogar haben wir uns ein Atelier geteilt, aber jeder hat seine eigenen Schemen produziert. Die meiste Zeit in Köln und in Sankt Georgen. Erst seit wir in Oberammergau wohnen, habe ich meine alleinige Werkstatt hier. Thomas schnitzt jetzt drüben in der Schnitzschule.
ST:
Wie war das erste Mal, als du eine deiner Schemen auf der Gass gesehen hast?
JT:
An das allererste Mal kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Aber es ist schon ein krasser Unterschied. Im Atelier sieht sie noch total unbelebt aus. Auf der Gass ist sie plötzlich richtig lebendig – im Häs, mitten im ganzen Trubel. Manche Schemen, die ich im Atelier eher noch kritisch fand, wirken draußen plötzlich richtig gut. Oder auch mal andersrum.
ST:
Gab’s schon mal den Moment, wo du eine deiner Schemen auf der Gass gesehen hast und dachtest: „Mist, da würde ich gerne noch was ändern“?
JT:
Ja, kann es mal geben, aber eher seltener.
ST:
Holst du dir Inspiration auch aus dem echten Leben? Schaust du dir Leute an und denkst: „Das Merkmal baue ich mal in eine Scheme ein“?
JT:
Ja, total oft. Vor allem bei Augen oder beim Mund suche ich mir echte Vorbilder von lebenden oder schon verstorbenen Personen.
ST:
Feiert ihr hier in Oberammergau Fasnet oder fahrt ihr immer nach Villingen?
JT:
Hier gibt’s natürlich auch viel Tradition im Rollenspiel, z.B. Krampus am Nikolaus, die Werdenfelser Larven und dann auch ganz klassischen Fasching. Maschgera sagen die Einheimischen. Aber wir fahren natürlich nach Villingen – keine Frage. Oder sind beim Skifahren!
ST:
Was ist für dich der nervigste Schritt beim Schnitzen oder Fassen?
JT:
Das Aushöhlen ist echt mühsam, aber es muss halt sein. Beim Fassen finde ich das Lackieren immer den unangenehmsten Moment. Wenn der Lack dann endlich drauf ist und alles passt, ist es richtig schön. Dann bin ich glücklich.
ST:
Die Alt-Villingerin braucht ja die Haube, damit sie richtig wirkt. Testest du das vorher?
JT:
Ich passe die Scheme an die Gesichtsform der Trägerin an. Mit der Haube ergibt sich das meistens von selbst. Man kann den Schemenrand eventuell etwas an die Haube anpassen. Erfahrungsgemäß wird es nur dann schwierig, wenn die Haube von vornherein sehr eng ist.
ST:
In Villingen isst man gerne Villingerle. Würdest du die eher mit Brot oder mit Kartoffelsalat essen?
JT:
Ich esse kein Villingerle – ich bin seit Jahrzehnten Vegetarierin. Meinerseits könnte die Fasnet hier und da noch etwas kulinarische Entwicklung vertragen (lacht). Aber wenn ich wählen müsste, dann sicher der Kartoffelsalat.
ST:
Schnitzt du das ganze Jahr durch oder nur in der heißen Phase?
JT:
Schon eigentlich übers ganze Jahr. Meistens schnitze ich zwei bis vier Schemen am Stück und fasse sie dann auch gleich mit. Dazwischen gibt’s immer wieder Pausen wegen Ausstellungen und anderen künstlerischen Projekten.
ST:
Steckt manchmal auch deine eigene Laune mit drin, wenn du schnitzt?
JT:
Na klar. Es gibt Tage, da muss ich mich richtig in den Charakter reinfühlen und brauche länger. Dann lege ich das Teil auch mal weg und komme später wieder. Und es gibt Tage, da flutscht es einfach.
ST:
Welches Bier ist für dich das beste – aus NRW, Baden-Württemberg oder Bayern?
JT:
Legendär ist Spielbacher. Aber das kennt kaum jemand, weil man nur einen Kasten kaufen kann, wenn man einen leeren mitbringt. Ich bin aus der Rhön, habe in Bayreuth, Köln, im Schwarzwald gelebt – da gibt’s auch überall tolle Brauereien. Mein Herz aber schlägt für ein gutes Helles.
ST:
Als Frau, die vor allem weibliche Schemen wie die Alt-Villingerin oder den Morbili schnitzt – ist das für dich was Besonderes?
JT:
Der Surhebel fällt mir manchmal etwas schwerer, weil ich mich da nicht so leicht in dieses Extrem reinversetzen kann. Die Alt-Villingerin und der Narro machen mir richtig Spaß. Ich glaube, ich habe als einzige Frau, die aktuell Villinger Schemen schnitzt, einen etwas anderen Blick auf das Weibliche. Und merke das auch in der Nachfrage für Alt-Villingerin Schemen.
ST:
Kann man aktuell eigentlich noch Schemen bei dir bestellen?
JT:
Meine Auftragsbücher sind glücklicherweise ziemlich voll. Wartezeiten sind schon bei etwa 4 Jahren. Es dauert einfach, auch weil ich alles mit meinem Lehrauftrag, meinen Nebentätigkeiten, Familie und Hobbys unter einen Hut bringen muss. Ich seh mich da auch in der Pflicht zu liefern, aber der Tag hat halt nur 24 Stunden. Ich schnitze auf alle Fälle weiter – so um die acht bis zehn Schemen im Jahr schaffe ich neben allem anderen.
ST:
Vielen Dank, Jessica.
JT:
Danke dir!























Hier ein aktueller Surhebel von Jessica Twitchell. Wir bedanken uns bei einem anonymen Villinger, dass wir diese Scheme ablichten durften!
















Ihr habt Schemen, Artefakte oder etwas was zu diesem Beitrag passt? Meldet euch gerne und wir fotografieren/dokumentieren das ganze. Anonym oder namentlich. Völlig egal. info@schemen-typen.de
